Kerem Can
Viele Jahre lang galt das Mittelmeer als eine Region mit einem relativ vertrauten Klimacharakter: heiße, trockene Sommer, mildere Winter, periodische Starkregenereignisse und eine vom Meer geprägte Lebensweise.
Heute verändert sich nicht nur die Temperatur.
Grundlegender verändert sich, wie sich Risiken verhalten.
Wissenschaftliche Studien stufen den Mittelmeerraum als eine der Regionen ein, die den Auswirkungen des Klimawandels besonders ausgesetzt sind. Der Weltklimarat IPCC weist auf steigende Temperaturen, Dürre, Wasserknappheit, Küstenüberschwemmungen, Erosion und eine wachsende Waldbrandgefahr hin. Untersuchungen des Forschungsnetzwerks MedECC zeigen zudem, dass sich der Mittelmeerraum schneller erwärmt als der globale Durchschnitt.
Es wäre jedoch falsch, diese Entwicklung lediglich als „heißere Sommer“ zu interpretieren.
Der Mittelmeerraum wird heißer, trockener und zugleich wechselhafter.
Aus Sicht der Risikobewertung beginnt genau hier das eigentliche Problem.
Risiken treten nicht mehr isoliert auf
In der Vergangenheit wurden bei der Bewertung eines Gebäudes Feuer, Wasserschäden und Sturm häufig als voneinander getrennte Risiken betrachtet.
Unter veränderten klimatischen Bedingungen hängen diese Gefahren jedoch zunehmend miteinander zusammen.
Böden, die über längere Zeit ausgetrocknet sind, können verhärten und weniger Wasser aufnehmen. Setzt anschließend innerhalb kurzer Zeit intensiver Regen ein, kann der Oberflächenabfluss erheblich zunehmen.
Derselbe Ort kann innerhalb weniger Stunden von Dürrebedingungen zu lokalen Überschwemmungen übergehen.
Lange Hitzeperioden trocknen die Vegetation aus und erhöhen die Wald- und Flächenbrandgefahr. Durch Feuer geschädigte Flächen können später anfälliger für Erosion und schnell abfließendes Oberflächenwasser werden, wenn Starkregen einsetzt.
Diese Entwicklung wird zunehmend mit dem Begriff Mehrfach- oder Verbundrisiko beschrieben.
Es geht nicht länger um ein einzelnes, isoliertes Ereignis.
Entscheidend ist die Kombination von Ereignissen, die aufeinanderfolgen, miteinander in Wechselwirkung treten oder sich gegenseitig verstärken.
Auch neuere Arbeiten von MedECC verfolgen diesen Ansatz und betrachten Wasser, Energie, Ökosysteme und Klimarisiken nicht als getrennte, sondern als miteinander verbundene Systeme.
Kleine Inseln können den Wandel früher spüren
Auf Inseln wie Zypern, wo die Landfläche begrenzt, die Küstenbesiedlung dicht und der saisonale Wasserhaushalt bereits heute von großer Bedeutung ist, können diese Veränderungen besonders deutlich sichtbar werden.
Dabei handelt es sich nicht nur um eine meteorologische Frage.
Gebäude, Straßen, Entwässerungssysteme, Stützmauern, Schwimmbecken, Dächer, Fassaden und andere Infrastrukturen befinden sich innerhalb derselben physischen Umgebung.
Im Westen von Kyrenia liegen beispielsweise dicht bebaute Hanglagen nur wenige Kilometer von der Küste entfernt. Bei Starkregen wird die Bewegung des Wassers vom höher gelegenen Gelände in die bebauten Gebiete zu einem wichtigen Risikofaktor.
In der Region İskele entsteht durch die schnelle bauliche Entwicklung in Verbindung mit der Nähe zur Küste eine andere Form der Gefährdung.
Nikosia ist keinem direkten Küstenrisiko ausgesetzt. Dort bilden jedoch Hitze, plötzlich auftretender Starkregen, versiegelte städtische Flächen und die Kapazität der Entwässerungssysteme eine andere Risikokombination.
Innerhalb derselben Insel kann sich das physische Risikoprofil bereits über wenige Dutzend Kilometer erheblich verändern.
Künftige Risikobewertungen können deshalb nicht länger nur von „einem Haus auf Zypern“ oder „einem Unternehmen auf Zypern“ ausgehen.
Der genaue Standort wird immer wichtiger.
Wie der Regen fällt, ist wichtiger als die Jahresmenge
Klimadiskussionen konzentrieren sich häufig auf die jährlichen Niederschlagsmengen.
Für ein Gebäude oder ein Wohngebiet kann jedoch eine andere Frage entscheidender sein:
Wie schnell fällt der Regen?
Die Folgen sind völlig unterschiedlich, je nachdem, ob die Niederschlagsmenge eines ganzen Monats innerhalb weniger Stunden fällt oder sich über mehrere Tage verteilt.
Die Urbanisierung fügt eine weitere Dimension hinzu.
Versiegelte Flächen, eine geringere Aufnahmefähigkeit des Bodens und Veränderungen natürlicher Wasserläufe können beeinflussen, wie sich Regenwasser durch ein Gebiet bewegt.
Künftige Bewertungen müssen deshalb nicht nur berücksichtigen, wie viel Regen fällt, sondern auch mit welcher Intensität, über welchen Zeitraum und auf welche Art von Gelände.
Auch das Meer ist ein stiller Risikofaktor
Auf Zypern wird das Meer gewöhnlich mit Lebensqualität verbunden.
Für Gebäude in Küstennähe stellt es jedoch zugleich einen dauerhaften physischen Einfluss dar.
Salz, Feuchtigkeit, Wind und starke Sonneneinstrahlung können Metallteile, Außenanlagen, Fassaden, Beschichtungen und andere Bauelemente schrittweise beeinträchtigen.
Dies zeigt sich nicht immer als plötzlicher Großschaden.
Manche Risiken entwickeln sich langsam.
Eine Verbindung verliert an Stabilität.
Eine Außenfläche altert schneller.
Ein Metallteil korrodiert.
Wenn später starker Wind oder heftiger Regen einsetzt, wird eine Schwachstelle sichtbar, die sich über Jahre entwickelt hat.
Dies ist eines der bestimmenden Merkmale klimabedingter Risiken:
Der Tag, an dem ein Schaden eintritt, ist nicht unbedingt der Tag, an dem sich das Risiko zu entwickeln begann.
Die Reparaturkosten sind die andere Hälfte des Risikos
Neben den physischen Veränderungen besteht auch eine wirtschaftliche Dimension.
Das Ausmaß eines Schadens wird nicht allein dadurch bestimmt, was beschädigt wurde.
Die Verfügbarkeit von Baumaterialien, Arbeitskosten, importierte Komponenten, Energiepreise, Wechselkurse und Reparaturzeiten beeinflussen die endgültigen Kosten.
Die wirtschaftlichen Folgen desselben physischen Schadens sind heute deshalb nicht zwangsläufig dieselben wie vor zehn Jahren.
In den kommenden Jahren wird sich die Versicherungswirtschaft nicht nur mit der Häufigkeit von Schäden befassen müssen, sondern zunehmend auch mit den tatsächlichen Wiederherstellungskosten.
Der Unterschied zwischen dem Marktwert einer Immobilie und den Kosten ihres Wiederaufbaus wird dadurch weiter an Bedeutung gewinnen.
Die Versicherungsfrage sollte später kommen
An dieser Stelle ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich.
Die Klimadiskussion sollte nicht mit der Versicherung beginnen.
Sie sollte mit dem Verständnis der physischen Realität beginnen.
Wohin fließt das Wasser?
Welche Fassade ist dem stärksten Wind ausgesetzt?
Was hat sich in der Umgebung des Gebäudes verändert?
Wie sah das umliegende Gelände vor einigen Jahren aus?
Hat eine nahe gelegene Bebauung den natürlichen Wasserverlauf verändert?
Wie nah liegt die Immobilie an der Küste?
Sind die im Außenbereich verwendeten Materialien für die örtlichen Salz- und Feuchtigkeitsbedingungen geeignet?
Werden diese Fragen nicht beantwortet, bleibt eine Diskussion, die sich ausschließlich auf die Versicherungspolice konzentriert, unvollständig.
Die Versicherung ist nicht das Risiko selbst.
Sie ist eines der finanziellen Instrumente, mit denen die Folgen eines Risikos bewältigt werden können.
Eine neue Frage für Nordzypern
Für Nordzypern lautet die entscheidende Frage der kommenden Jahre nicht mehr, ob der Klimawandel stattfinden wird.
Die Veränderungen sind bereits zu beobachten.
Die wichtigere Frage lautet:
Wie gut sind die heutigen Gebäude, Infrastrukturen und Methoden der Risikobewertung auf die mediterranen Bedingungen von morgen vorbereitet?
Die Antwort wird in Kyrenia, İskele und Nikosia unterschiedlich ausfallen.
Sie kann sich sogar zwischen verschiedenen Stadtteilen derselben Stadt erheblich unterscheiden.
Deshalb werden zahlreiche Branchen, darunter auch die Versicherungswirtschaft, Risiken künftig auf einer wesentlich detaillierteren geografischen Ebene bewerten müssen.
Eine Betrachtung ausschließlich auf Inselebene wird möglicherweise nicht mehr ausreichen.
Das Verständnis der Region, des Stadtteils, der Straße und in manchen Fällen sogar der unmittelbaren Umgebung einer einzelnen Immobilie wird zunehmend wichtiger.
Eine neue Ära des Risikos
Das Mittelmeer verschwindet nicht.
Es wird auch nicht unbewohnbar.
Doch seine traditionellen Muster verändern sich.
Längere Hitzeperioden, Wasserknappheit, Waldbrandgefahr, zunehmender Druck auf die Küsten und wechselhaftere Niederschläge wirken innerhalb derselben geografischen Räume immer stärker zusammen.
Zypern steht nicht außerhalb dieses Wandels.
Die geringe Größe der Insel, die Konzentration der Bebauung entlang der Küsten, die schnelle Bautätigkeit und ihre Lage im östlichen Mittelmeer können dazu führen, dass die physischen Folgen dieser Veränderungen hier besonders deutlich sichtbar werden.
Die wichtigste Veränderung der kommenden Jahre wird deshalb möglicherweise nicht allein in den Temperaturaufzeichnungen zu finden sein.
Sie könnte sich vielmehr darin zeigen, was Risiko künftig bedeutet.
Das Mittelmeer wird nicht einfach nur heißer.
Es tritt in eine neue Ära des Risikos ein.
Kerem Can
Generaldirektor
CAN Sigorta



